Wer schon mal ein gutes Buch gelesen hat, weiß, wovon ich nachfolgend rede. (Ihr dürft also alle weiterlesen :-). Hier und heute empfehle ich eine Reise in die Antike zu machen, wenn ihr euch a) nicht von einem Buch abschrecken lasst, das mit einer Art Zeitreise beginnt b) Spaß an der Mischung Humor vs. Gewalt habt und c) nicht völlig uninteressiert an historischen Ereignissen seid.

Es ist doch so: Das Buch spielt mit einem typischen Szenario, das jeder kennt (nur die meisten von uns ins Mittelalter denken, weil wir mit Rittern und Burgfräuleins groß geworden sind): Du bist plötzlich und völlig grundlos in einer anderen Zeit. Mal abgesehen davon, dass die Leute um dich herum eine Sprache sprechen, die definitiv nicht die deine ist, sind die auch einfach komisch. Ihre Art und ihre Kultur sind dermaßen anders, dass du Schwierigkeiten haben wirst, dich zurechtzufinden.
Das kann witzig sein. Und brutal. Gut, dass das Buch eine schöne Balance aus beidem findet. Und wenn du dann auf der Suche nach der „geheimen Tür“ nach Hause bist, dich aber niemand tun lässt, was du tun willst, wird es anstrengend für dich. Wie oft hast du dich in eine Ritterrüstung geträumt und wurdest in deiner Vorstellung dann in einen stinkenden Kerker geworfen? Ne, du warst immer der Sieger, immer der Held, oder? In der Wirklichkeit funktioniert das leider nicht so gut. Und im Buch auch nicht. Aber die drei Protagonisten haben Beine. Und die benutzen sie auch…. immer wieder. Jedenfalls so oft es geht. Der Plot kann ja nicht ausschließlich aus Weglaufen bestehen. Das wäre doch etwas dünn.

Und weil sie drei sind, haben sie jede Menge Anlass sich gegenseitig die Schuld an ihrer Misere zu geben. Es ist also auch genug Drama in der Geschichte, die im Übrigen den Begriff der Odyssee nicht umsonst trägt. Sie werden viel lernen müssen, die drei, ehe ihr Weg sie heim führt. Obwohl ich selbst ja nicht überzeugt bin, dass das so schnell geschieht… aber lasst euch selbst überraschen.

Odyssee der Schatten

 

 

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Von der Notwendigkeit des Etwas-Sagens

Veröffentlicht: 23. März 2014 in Essay
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Von all dem, was gesagt werden kann, sage ich nur das unnotwendigste. Die Zwischentöne stören. Das Pfeifen der Matrosen auf dem Steg am Meer erntet mehr Beifall. Die Tauben ziehen Grimassen, weil die Zuhörer es tun. Ich sehe, dass sie spotten. Es gibt doch sicher kluge Erwiderungen, kluge Einfälle, die ihnen Staunen abringen könnte. Doch weiß ich nicht, wie das geht. Also lasse ich sie weitergrinsen, sich sonnen, in ihrer selbstgedachten Überlegenheit, ihrem Wohlgefühl, verstanden zu haben. Dabei sind sie verloren. Haben sie verloren. Schon in der Sekunde, als sie anfingen zu lachen. Über das, was ich sagte. So habe ich verloren. Weil Worte, die wahr sind, nichts bedeuten, wenn niemand sie anerkennt, durchdenkt, zustimmt. Sie werden zur Lüge. Aber das Klischee lebt. Immer. Weil es einfacher ist, vom betrunkenen Seemann am Steg zu reden, als von der Einsamkeit in der eigenen Wohnung. Weil es leichter ist, von der Verdorbenheit der Geschäftsmänner zu reden, als von den eigenen verstohlenen Versuchen, Kleingut zu entwenden. Weil es sicherer ist, von der typisch emotionalen Frau zu sprechen, als von der eigenen Angst zu erzählen, von den Dingen, die Mann nicht kann, von den Dingen, für die er sich zu gut hält, weil er so viel bequemer ist, sich bedienen zu lassen, auch wenn die Gleichberechtigung der politischen Korrektheit wegen unbedingt verteidigt werden sollte. Von irgendwem. Irgendwo. Hauptsache hier ist alles so, wie man es kennt. Hauptsache man selbst bleibt perfekt. Denn man hat schon immer alles richtig machen wollen. Und das ist doch entscheidend, hat die Kindergärtnerin schon gesagt: Es ist schön, dass du M. helfen wolltest, trotzdem darfst du mit dem Messer nur auf dem Teller schneiden!

Der Mut, die Bravouresse, das Pathos – so vielbesungen in alten Liedern, die niemand mehr kennt, die Geschichten voller Helden, die nie existiert haben, das Wunder des Lebens, das wir der Einfachheit halber mit Religion erklären, es ist, als bastelten wir die ganze Zeit Ausreden, um uns der eigentlichen Wahrheit nicht stellen zu müssen: Wir sind nicht fair. Nie. Wir haben Regeln, die wir auslegen können, wie wir wollen, wenn das Geld nur stimmt oder die eigene, ungeprüfte Überzeugung. Schon das Grundgesetz lügt uns an, denn die Würde des Menschen ist nicht nur antastbar, die meisten wissen nicht einmal, was das Wort Würde eigentlich bedeutet. Aber das Gesetz ist ja auch nicht für alle gleich, oder was das andersrum? Egal wie rum, es ist nicht fair. Sage ich. Und das wirklich tragische daran ist, dass es auch nie fair sein wird. Weil wir einfach nicht zuhören. Wir sehen jemanden an, der versucht, uns etwas zu sagen. Und wir ziehen Grimassen, weil wir es ja besser wissen, denn wir haben die Weisheit gepachtet. Wir machen uns nicht die Mühe darüber nachzudenken, denn es gefällt uns, wie es ist. Und wir wollen es nur ändern, wenn es uns nicht mehr gefällt. Und dann sagen wir etwas, über die Wahrheit und über die Klischees alter Wahrheiten und alter Geschichten. Dass es keine Helden gibt, weil wir noch keinen getroffen haben, oder weil auch die, die wir getroffen haben, dumme Sachen gesagt haben und wir sie deswegen nicht mehr für Helden halten. Aber es hört ohnehin niemand zu. Sie wissen es alle ja schon besser, und dann muss man nicht mehr darüber nachdenken, weil man ja schon alles weiß. Siehst du, von all dem, was gesagt werden kann, sage ich nur das unnotwendigste. Wir wissen das ja alles schon. Ich kann aber nicht damit aufhören. Was für ein Glück hört niemand zu.

Wenn Kinder vom Sterben reden

Veröffentlicht: 15. Februar 2013 in Gedanken, leben, Philosophie, Sinn, writing

… wenn sie nach dem Sterben fragen, ist die Antwort ein Flüstern. So leise, man mag nichts sagen. Die Lügen, die über die Lippen brechen, so still, sie tun weh. Die Worte, die einem niemand glaubt, außer einem Kind. Was könnte man auch sagen, zu diesen offenen Augen, die noch an Wunder glauben. Was würde man tun, damit sie es nicht erfahren?
Es ist ein so tiefer Schmerz, wenn man verspricht, man würde immer bleiben. Sie würden immer bleiben. Und nichts könne das ändern. Dabei kann alles es ändern? Entsteht das Leiden aus der Lüge oder aus dem Verlust?
Aber wie soll man auch etwas erklären, das man selbst nicht versteht. Wie erklärt man das Sterben? Den Verfall des Fleisches? Die eine unglückliche Sekunde? Atemlosigkeit? Die lange Zeit, in der nur die Erinnerung uns belebt?
Es wäre wohl ähnlich, einem Kind zu erklären, dass man nicht weint, weil es jetzt keine Schokolade mehr bekommt, ins Bett gehen soll, aufräumen soll, nichts kaputt machen soll… Es braucht tausend Anläufe, bis sie es verstehen. Und wer will tausend Mal über das Sterben sprechen?
Wenn Kinder vom Sterben reden – gibt es einen Moment, in dem man sich mehr wünscht, sie wären unsterblich?

Don’t you

Veröffentlicht: 14. Dezember 2012 in chaos, Freiheit, Gedanken, Lyrik

    Sad my Dear
    Is another word
    Today we are troubled
    Haunting lives
    As if they are wild animals
    Spitting and biting and
    Furiating around
    Don’t you think this is
    Stupid?

    Oh, great successor
    Almight is only a dreamily
    Dream
    Useful to lie
    When fears may depart from heart
    Plant a joke instead
    Laughing is a great source of power

    Save my little one
    Is a bad idea thing
    Never believe in such a false truth
    Trust and Hope and
    Blessing words
    Are the first to die in the face
    Of a burden call it sweating pain

    Such a hard glance
    And no braveness around
    What a pity
    Don’t you think this is
    Stupid?


Mit einigem Interesse verfolge ich die immer wieder gleichen Argumente pro und contra der digitalen Kostenlosverbreitung geistigen Eigentums. Man möchte meinen, allein die Benennung durch das Wort „Eigentum“ würde darauf hinweisen, dass es sich um Besitz handelt, scheint aber nicht so zu sein. Ausschlaggebend (und in meinem Falle eher Ausschlag gebend, die Pickelchen sitzen als Kranz um meinen Kopf, glücklicherweise bislang von meinem Haar verdeckt) scheint das Wort jedoch nicht zu sein, fordern die neuen deutschen Freibeuter doch, dass Geschriebenes, Gefilmtes, Verkünsteltes doch frei ergo legal nutzbar werden sollte für jeden: So weit so gut, doch kostenlos??? Da helfen Argumente, die daran erinnern, dass es sich um eine erbrachte Leistung handelt, bislang wenig. Es klingt berauschend gut, den neuesten Hollywood-Blockbuster ohne langes Zaudern einfach googeln und tiefbefriedigend gratis schauen zu können…, nicht wahr?
Nun ist die Frage, wer demnächst die Leute bezahlen soll, die monatelang in der Einöde schwitzen, um das Verlangen des erregten Zuschauers zu befriedigen, einen Serienmörder nach Las Vegas zu verfolgen… aber das klingt recht kapitalistisch, viel zu materiell. Die Kritik am angestrebten Urheberrechtreformteilsdings richtet sich wohl gegen die großen Unternehmen, Verlage, Produktionsfirmen, bla, bla, bla, die sich anscheind gesund stoßen an jeder verkauften B-Ray, Buch, ja sogar Zeitung… und ich sage: Na und? Es ist doch euer Begehren! Ihr wollt die teils stupiden Filme gucken, ihr wollt die trivialen Bücher lesen, ihr wollt euch informieren – genauso wie ihr dieses oder jenes Auto haben wollt, genauso wie ihr kein Billy Regal wollt sondern die Designkommode, die aus Teakholz – und dafür zahlt ihr. Entscheidend ist hier das WOLLEN. Natürlich gibt es Filme, Bücher, Infos, zu denen jeder Mensch freien Zugang haben sollte, aber dazu gehören sicher nicht Quentin Tarrantinos neuester Hit oder Charlotte Roches Ergüsse. Und egal, wie sehr ihr es glaubt, Harry und Edward müssen für ihre Dienste auch bezahlt werden – in harter Währung, denn Joanne und Stephanie müssen auch einkaufen gehen, um ihre Kinder zu füttern. Dass sie damit Millionen verdienen, liegt daran, dass sie aus irgendeinem Grund von unglaublich vielen Leuten gelesen werden, was noch lange nicht sicher war, als sie die ersten Zeilen tippten. Autoren, Journalisten, Regisseure, Kameramänner, selbst der Typ, der die DVDs produziert – eine Riesenmenge von Jobs hängt an dieser Industrie. Und nur, weil die Leute ihr WOLLEN nicht unter Kontrolle haben, ihre GIER, soll das geistige EIGENTUM von Menschen, die mit ihrer Fantasie arbeiten, plötzlich nichts mehr WERT sein. Denn ich frage mich, wer noch Zeit finden wird, ein gutes Buch zu schreiben, einen guten Artikel für die Spätausgabe der KOSTENLOSEN Zeitung von morgen, der ihr vertraut, wenn niemand dies honoriert? Wenn man nebenbei Mechaniker werden muss, um sich einen Lebensunterhalt zu erarbeiten. Wie verkommen ist das Denken von Leuten, die meinen, der zu Papier gebrachte Gedanke sei nichts wert?
Denn genau dieser Luxus des Denkens – die Befreiung vom Ziegen hüten – hat der Zivilisation den Weg geebnet. Hätte sich nicht ein Rahmen ergeben, durch die Aufteilung von Arbeit, das wachsende Interesse an den Fragen hinter dem nächsten Säh-Prozess, niemand hätte Sokrates beibringen können, Fragen zu stellen, er wäre zu sehr beschäftigt gewesen, Schwerter zu schmieden.
Die Leute verwechseln zu häufig ihre Gier mit dem, worauf sie Anspruch haben. Aber ich treffe so selten auf Menschen, die von dem, was man Kulturerbe nennen könnte, tatsächlich Ahnung haben. Die Informationen, die das Leben wirklich kolorieren, das Wissen um Geschichte, Sozialstrukturen, den Respekt vor den Errungenschaften früherer Zeiten – für die interessiert sich niemand. Derzeit geht es nur darum, so viele Apps wie möglich (möglichst gratis) herunterzuladen, auf denen man Ballerspiele austesten kann.
Seltsamerweise fällt niemandem dieser Konsumrausch auf. Wir lassen uns immer weniger Zeit zu genießen, wir lassen nichts von dem, womit wir umgehen, nachwirken. Wer setzt sich noch zusammen, um die Geschehnisse in Syrien zu diskutieren (außer irgendwelchen Arbeitsgruppen des Außenministeriums natürlich)? Der Artikel mit den 3 neuesten Toten wird schnell überflogen, und dann auf, auf, da war doch noch ein Kommentar zu Angelina Jolie… Die Masseninformationen haben nur dazu geführt, dass wir im Strom der Bytes ertrinken, dass wir nach leichter Kost suchen, die unsere Konsum-Adipositas dennoch verstärkt. Wir nehmen nichts mehr ernst, wir schalten das Denken ab, wir wollen mehr, wir wollen nichts, vor allem nichts zahlen, denn der Kick des Gesehenen, die Länge des Gelesenen, es bleibt ja doch nur Sekunden in unserem Hirn, ehe es prompt durch die Rinde ausgeschwitzt wird.
Es wird uns irgendwann noch kosten. Sehr viel. Mehr als jeder Autor verlangen würde.

Grundsätzlich gilt: Dinge, für die ich Geld ausgebe, die schätze ich. Dinge, die nichts kosten, lasse ich schnell liegen. So ist es mit den kostenlosen Unizeitungen, so ist es mit der Gratis-MP3, die merkwürdigerweise nie ein Hit wird, so ist es mit den Büchern vom Grabbeltisch. Was wir wirklich brauchen, ist Verständnis für die Leistung eines Filmemachers, nicht immer gleich den zynischen Gedanken vom großen Geld, das er uns abehmen will. Denn ist es nicht paradox, dass ich diesen blöden Film unbedingt schauen will (nur einmal), aber argumentiere, dass ich den Typen, der den Film gemacht hat, nicht noch reicher machen will? Neid steht niemandem. Und er ist schnell durchschaubar. Unser (globales) Problem ist, dass er allzu menschlich ist, und mit der Gier korreliert. Da sind wir ja wirklich weit gekommen, nach all der Kritik am Kommunismus kommt er nun tatsächlich unter der Tarnkappe digitaler Kostenloskultur zurück. Gleiches gleich und gratis für alle, was?

Barnum-Effekt

Veröffentlicht: 28. August 2011 in Essay
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Du bist ein sensibles Wesen, das manchmal mordlüstern Fliegen zerquetscht. Deine Welt ist rund, aber du hast Ecken und Kanten. Ohne dein Ritual des morgendlichen Aufstehens würdest du nicht hochkommen und ohne Wechselwäsche kannst du den Duft des Lebens manchmal nicht genießen.
Deine Wege orientieren sich häufig an Google Maps und die Richtung ändert sich ab und zu.
Du siehst dich selbst als hoffnungsfrohes Individuum, das gern wie alle anderen arbeiten geht, Kinder zeugt, Steuern hinterzieht und sich für einzigartig hält.
Du wirst selten von Angst überfallen, sie ist eigentlich immer da, aber wenn dich einer danach fragen würde, könntest du behaupten, nichts davon gewusst zu haben.
Du sammelst mit großer Wahrscheinlichkeit keine Briefmarken, denn du schreibst nur noch E-Mails, um schriftlich zu kommunizieren und kommst an den Stoff nicht ran.
Du kleidest dich nach den neuesten Trends – aus Bon Prix, wenn du auf dem Land wohnst. Von H&M, wenn du in der Stadt wohnst.
Du weißt vieles, denn du warst in der Schule und weißt sogar noch, wo sie sich befindet. Diese Basis scheint dir solide.
Manchmal ärgerst du dich und manchmal hast du Mitleid mit dir, weil du dich ärgern musst. Außerdem kriegst du manchmal Ärger, wenn jemand sich über dich ärgert. Auch dann hast du oft Mitleid mit dir. Manchmal haben auch andere Mitleid mit dir, aber meist die falschen. Die großen Tageszeitungen schreiben eher nicht über dich, sie haben fast nie Mitleid mit dir, denn mit großer Wahrscheinlichkeit bist du nicht berühmt und wirst es auch nie sein. Sie kennt dich nicht persönlich. Und eines der größten Erkenntnisse, die du hast, ist, dass nur jemand, der dich persönlich kennt, Mitleid mit dir haben kann. Möglicherweise hast du irgendwann jedoch die Gelegenheit durch Zufall ihr Mitleid zu erregen, solltest du jemals einen tragischen Unfall haben.
Oft hörst du Schimpfwörter, aber nicht immer kommen sie aus deinem Mund. Und manchmal hast du das Gefühl wichtig zu sein, wenn du wieder recht hast, und einer hat es gemerkt.

Etwa 95 % der Leser sollten sich mit diesem Textauszug identifizieren können, denn es beschreibt sie recht sporadisch aber richtig.


Jeder mag Besonderheiten, was wohl daran liegt, dass es selten Gelegenheiten gibt, eine solche zu erleben. Für manche ist es der Besuch im Heidepark, für manche ist es eine Hochzeit. Also ein Event, bei dem schmückendes Beiwerk die Besonderheit des Erlebnisses nur unterstreicht. Wenn du arm bist, kann allerdings schon ein teures Essen etwas besonderes sein. Mal Reh zu essen. Oder McDonalds um den Preis eines überteuerten Menüs reicher zu machen. Wenn du reich bist, ist es da schon schwieriger, und das Besondere entledigt sich seines Wertes für dich, denn du kannst das Besondere nicht mehr an Materiellem messen. Da muss schon was anderes her. Der größte Diamant der Welt – oder vielleicht ein echter Freund oder einfach nur Leute, die deine hochmütige Attitüde nicht stört. Aber das ist eigentlich gar nicht das Thema, denn Besonderes zu erleben ist ja nicht dasselbe wie besonders zu sein.

Oder nicht? Der kausale Zusammenhang ist zumindest nicht offensichtlich. Macht es denn besonders, Besonderes zu erleben?

Kann ein Mensch außerhalb des eigenen Wunsches und außerhalb mehr oder weniger glücklicher Zufälle besonders sein? Kann ein Mensch von einem anderen auch nach einem gemeinsam verbrachten Leben besonders sein?
Die Optimisten würden selbstverständlich ja sagen, allerdings sind Optimisten ja auch Langweiler. Die Pessimisten müssen selbstverständlich unken, dass die ganze Fragerei ihnen langsam auf den Zeiger geht, denn ich verschwende ihre wertlose Zeit, die sie besser beim Brüten über Schlechtigkeiten verbringen möchten. Nicht über ihre eigene natürlich. Denn sie fühlen sich ja besonders schikaniert von der Welt, was sie wiederum besonders macht. Und gibt es denn noch andere Menschen als Optimisten und Pessimisten?

Besonders meint mehr als der Durchschnitt. Aber alle Menschen sind doch gleich, wie schon das Grundgesetz sagt. Also kann kein Mensch besonderer als ein anderer sein, oder? Was unweigerlich zu der Frage zurück führt, ob es also doch nicht die besonderen Erlebnisse sind, die besonders machen.

Und bin ich eigentlich besonders, wenn ich mir diese sonderbare Frage stelle? (Es passiert ja nicht besonders oft.) Im Grunde fragen sich die Leute eigentlich häufiger, warum die einen glücklicher sind als andere (obwohl wir doch alle gleich sind) oder, um exakter zu sein, mehr Glück haben (was ja wohl wieder ein Fremdeinwirken bedeutet) – was bedeutet, sie haben mehr gute Erlebnisse als andere, was bedeutet, sie haben besondere Erlebnisse.

Was bedeutet, ihr hättet die letzten drei Absätze nicht lesen müssen, denn die Frage lautet noch immer: Macht es denn besonders, Besonderes zu erleben?

Go for the show: Besonderheiten, Part I

Veröffentlicht: 20. August 2011 in Essay, Gedanken
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Es ist schwierig, nachzuvollziehen, warum man eigentlich so besonders ist. Aber es gibt immer jemanden, der denkt, dass du es bist. Besonders. Anders als andere. Besser? Frecher? Absurder?
Oder ist das wieder nur dahingesagt? Wenn einer dir sagt, du bis etwas Besonderes. Fühlst dich dann auch besonders. Zu Hause in der Küche, beim Abwaschen, beim Staubwedeln, da bist du normal. Wie alle. Aber in den Armen des Nächsten, einer Umarmung, in einer Runde, die du mit deinen Sprüchen beeindruckst, da bist du besonders. Auch wenn du sie im Internet gegoogelt hast. Die Sprüche. Und den Chatroom, in dem du diese Leute aufgerissen hast. Vielleicht hält deine Besonderheit bis zum nächsten Treffen? Oder du chattest einfach mit andern. Wenn man dich zu lange kennt, wirst du weniger besonders, nicht wahr? Dann muss Substanz her, etwas mehr als ein paar markige Worte, die du selbst nicht lebst, aber formvollendet zum Besten gibst. In echten Beziehungen funktioniert das nicht. Da muss man ein bisschen ehrlich sein. Da ist das Besondere schon, dass man es lange in einem Raum miteinander aushält.

Zentral-Gedanke

Veröffentlicht: 28. Mai 2011 in Essay
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Wieder ein bisschen misantrophil heute. Und gekräuselte Lippen, wenn sich was in der Nähe bewegt. Und überhaupt, wer entscheidet, dass Menschen sich mögen müssen. Wandelndes Fleisch in abgenutzten Hüllen. Und kein natürlicher Feind.
Wozu fleischlich sein, wenn niemand dich essen will?

Zerrbilder schütten Beton in die Gedanken, fest, keine Chance, sie aufzubrechen. Das Ego schreit nach mehr Aufmerksamkeit, der kleine Bursche, große Ambitionen hat er.
Der Wert der wandelnden Hüllen bemisst sich nach der Aufmerksamkeit, die sie der Größe dieses kleinen Burschen schenken. Richtig. Denn nur, wer erkennen kann, ist. Oder wie war der Spruch?

Der Schritt führt gen Süden, wo es wärmer ist. Der Blick gen Norden, Überlegenheit dehnt sich immer nach oben aus. Ost und West ist wie alle anderen menschlichen Erfindungen: Bedingt sinnvoll.
Das ist es, was die Hüllen so langweilig macht. Das ewige Zucken, um mehr herauszufinden, ohne Bedeutsames zu ändern. Reden zu führen, an die sie selbst nicht glauben. Taten, die nichts bedeuten, aber andere Hüllen unterwerfen sollen. Wenn Wertloses von Wertlosem regiert wird, nennt man das dann Neo-Kapitalismus? Es ist eine Inflation.

Ja, das gefällt. Das Ego brennt. Die Überlegenheit füttert den kleinen Burschen. Jetzt müssen nur die Fleischhüllen noch erkennen, wie es ist. An ihrer Seite zu gehen müsste genügen, sich zu nähern, das schale Lächeln aufzusetzen, das nichts bedeutet, das sie denken lässt, alles wäre gut. Sie könnten Vertrauen.
Vertrauen ist eine sehr schöne Empfindung. Und so eine Verschwendung. So umsonst. Enttäuschung ist noch das lahmste Dessert. Die Frage ist, warum die Hüllen sich mit so nahrlosen Dingen füllen wollen, wenn es Kalorienbomben gibt: Vorsicht. Ehrgeiz. Die Eleganz eines mutwilligen Egos.

Weisheit

Veröffentlicht: 12. Februar 2011 in Essay, Freiheit
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Nicht weise. Älter werden, meint dröge werden. Hart gegen das Gesehene und Gefühlte. Kalt gegen die Ideen der Anderen.
Es ist dann so lange her, dass das Neue die Sinne geflutet hat. Älter werden. Den Kaffee schlucken, weil man es immer so tut. Nicht, weil er so herrlich bitter ist. Dem Gesumme der Welt da draußen lauschen, weil es sich sicher anfühlt, das Bekannte zu durchqueren. Küssen, wen man immer küsst, weil man verwandt ist, durch Ring oder Namen oder beides.
Wann hat die Zeit der Entdeckungen geendet. Wer erinnert sich schon daran? Doch, das Alter erinnert sich, aber es kann sich nicht mehr daran freuen. Es ist nicht nervös, eine Verabredung zu treffen, es muss sich nicht ablenken von der Angst vor dem Unbekannten, auch wenn es gar nicht alles kennt. Das Leben ist reduziert. Es käut wieder. Denn man kennt es ja schon. Denn man kennt sie ja schon. Die Leute, die genau wie die Leute von damals sind, die man kennen- und enttäuschen lernte, von denen man gekannt und enttäuscht wurde.
Und echtes Leben flimmert über die Bildschirme in den dunklen Räumen, in die sie sich sperren, weil es draußen so anders ist als früher. Ach die Fernseher, wo sie sich über so einfache Dinge entzweien, sich so herzzerbrechend streiten, so herzzerreißend lieben, wie man selbst nur früher. Früher, als man sich selbst noch stritt, und etwas darum gab, sich zu entschuldigen, weil der Liebste einem nicht sicher war. Er hätte weglaufen können.
Früher, als noch nicht alles so klar war. Nicht so klar war, wie die Dinge enden würden. Als alle Wege offen standen, als es alle Wege gab, nicht nur den Kaffee morgens um sechs. Obligatorisch. Angewohnheit. Lebensstil.
Die Dinge geschehen nicht umsonst, pflegen die Alten zu sagen oder, Früher, da kannte ich eine, die war genauso. Aber vielleicht war man selbst so. Und nur um es der Kleinen da zu ersparen, könnte man ihr Vorträge halten, wie die Welt funktioniert, die man in sich so perfekt ausbalanciert hat, dass man alles voraussehen, hellsehen kann.
Das funktioniert doch nie, pflegen die Alten zu sagen oder, Früher, da wollte ich auch…
Und nun? Heißt alt werden, weniger zu wollen, obwohl man mehr darüber weiß? Heißt alt werden, sich weniger zu kümmern?
Umso länger man lebt, umso weniger will man es, das Leben, umso weniger schenkt man es anderen, das Neue, das Unbekannte, die Expedition ins Ungereimte. Sperrt sich ein in die klaustrophobische Idee, der bekannte Raum sei der richtige Raum, der Raum, indem man sich befindet. Hat er eine Tür, dieser Raum? Ein Fenster? Eine Belüftung?
Die Jungen, sie tollen davor herum, nerven mit ihrem lauten Unfug, mit ihrem unendlichen Vorbeilaufen. Doch sie kommen immer wieder, laufen um den Raum herum, bis sie das richtige Alter haben, um einzutreten. Die dünne Schwelle übertreten, auf der sie sich entscheiden, nun genug zu wissen, weise genug zu sein, um sich einzusperren, ihren Geist, ihre Inspiration, ihr Leben. In einen Raum. Kahl. Leer. Fernab all dem, was draußen vorbeikommt.